Gefangenenhilfe

BERICHT des Besuches bei Indira in den Kinderheimen KATHMANDU „Stadt“ und „Land“ im März 2008

DIE NEPAL-GEFANGENENHILFE

 2.jpg Nepalesische Gefängnisse können für Menschen der unteren Schichten und besonders für weibliche Gefangene eine Hölle auf Erden sein. Ohne sauberes Wasser und gesunde Nahrung, ohne Perspektive und die Möglichkeit der Unterstützung durch eine professionelle Verteidigung sind viele Menschen sich selbst überlassen. Besonders hart trifft es Mütter mit Kindern, denn die Kinder werden einfach zusammen mit ihren Müttern der rauen Wirklichkeit des Gefängnislebens überlassen in teilweise menschenunwürdigen Rattenlöchern. Dieser „doppelten Ungerechtigkeit“ setzt die kämpferische und liebevolle Arbeit von INDIRA RANAMGAR, einer Frau aus den unteren Schichten der nepalesischen Gesellschaft seit dem Jahre 2000 das Projekt PRISONERS ASSISTANCE NEPAL entgegen. Im Wesentlichen beinhaltet dieses Projekt 3 Aspekte: 1. Das Kinderheim für die Kinder aus den Gefängnissen. 2. Die Hilfe für Männer und besonders für Frauen in den Gefängnissen. 3. Zukunftsprojekte zur Integration und berufsfördernde Bildung.

 

DAS KINDERHEIM IN KATHMANDU

Hier werden Kinder von Müttern aus den Gefängnissen, die sonst die ganze Unwirklichkeit und Grausamkeiten dieser Institutionen erleben müssten, aufgenommen und in einer geborgenen, liebevollen 3.jpgund konstruktiven Atmosphäre umsorgt. Zur Zeit finden etwa 60 Kinder in dieser geborgenen Situation Zuflucht und ein vorübergehendes Zuhause. Dabei wird immer sehr aufmerksam darauf geachtet, dass die Bande zur Familie, insbesondere zur Mutter, soweit dies unter den Umständen möglich ist, nicht abreißen. Leider sind oft die Familienbande zu den anderen Mitgliedern der Familie nicht mehr intakt. Die Kinder können die eigenen oder lokalen Schulen besuchen und es werden 6-8 Kinder jeweils von einer „Mutter“ betreut. Sie verbringen viel Zeit miteinander, lernen und spielen 4.jpgmiteinander und schlafen gemeinsam in einem Raum unter einfachsten doch sauberen Bedingungen. Als wir das letzte mal das Heim in Kathmandu besuchten, konnten wir bewegende Momente der Fürsorge und Liebe mit den Bewohnern des Heimes teilen.

 

 

SANKU – TRADITION UND LANDLEBEN

Das Leben in der Großstadt Kathmandu bringt allerlei Probleme für ihre Bewohner mit sich. Abgesehen von der ständigen Wasserknappheit, den gesundheitlichen Problemen und den Folgen einer rapide steigenden Überbevölkerung kann ein Leben in der Stadt auch zu einem wachsenden Verlust traditioneller Werte und Kultur führen und damit auch zu einer existenziellen Entwurzelung. Viele dieser Menschen kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt. Das Projekt „SANKU“ möchte den Kindern eine Alternative zu der Perspektivlosigkeit des urbanen Lebens geben und führt sie heran an die traditionellen Möglichkeiten der ländlichen Berufe. In dem sehr einfachen, ausbaufähigen Landhaus leben zur Zeit 10 Kinder und eine Betreuungsperson. Das Ziel ist hier eine Einrichtung für etwa 80 Kinder und Betreuungspersonal langfristig zu etablieren.

GEFANGENEN-HILFE FÜR FRAUEN

Die wichtigsten Momente der direkten Hilfe für die Gefangenen, die unter den besonders für Frauen ungerechten Umständen des nepalesischen Rechtssystem leben müssen sind:
A. Sauberes Trinkwasser
B. Gesundheitsfürsorge
C. Lernen und Fortbildung

Es werden von drei Betreuerinnen tägliche Unterrichtsstunden im zentralen Frauengefängnis erteilt, an denen zur Zeit etwa 60 Gefangene teilnehmen. Besonders betont wird das Erlernen von Fähigkeiten, die nach der Haftentlassung zu selbstständigen Lebensbedingungen führen können. Auch andere praktische Grundkenntnisse wie Hygiene, Familienplanung, die Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben werden vermittelt.

INTEGRATION UND ZUKUNFT

Es ist der Gründerin Indira Ranamagar nicht damit getan, wohltätig und leidensmildernd zu wirken. Ihr geht es um nachhaltige Integration und Perspektive. All ihre Projekte tragen diese Handschrift und arbeiten auf sehr intelligente und einfühlende Weise mit den örtlichen Gegebenheiten, Traditionen und 1.jpgMöglichkeiten. Bei unseren Besuchen waren wir fasziniert von der einfühlenden Intelligenz dieser NGO (Nicht-Regierungs-Organisation). Wir haben uns überzeugt, dass der Anteil der Mittel die für Verwaltung und indirekten Kosten auf einem absoluten Minimum sind und alle Mittel unmittelbar den Kindern und Müttern zu Gute kommen. Anders als bei manchen von uns beobachteten Hilfsprojekten ist die Effizienz im Umgang mit möglichen Spenden hier außergewöhnlich hoch. Den Kindern in Nepal kommt leider sehr wenig Aufmerksamkeit entgegen. Unser Hauptaugenmerk richtet sich oft in dankenswerter Weise auf die manchmal notleidende tibetische Bevölkerung und oft auf die Förderung klösterlicher Erziehung oder Großprojekte. Aktivitäten wie diese Gefangenenhilfe dagegen sind nicht so sehr im Blickfeld unserer Aufmerksamkeit.

 

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Wir bitten um Spenden und Patenschaften, deren Verwendung wir persönlich überprüfen. So kann etwa ein Kind mit 1 € am Tag alle Wohltaten der Unterbringung, Versorgung und Schulbildung erfahren. Ihre Hilfe in jeder Größenordnung ist willkommen.

Pauenhof / Pauendyk 1 / 47665 Sonsbeck / Niederrhein

Der Pauenhof e.V. ist eine als gemeinnützig anerkannte Einrichtung. Bankverbindung: PAUENHOF e.V., Deutsche Bank Duisburg, Stichwort „Nepal Projekt“, Konto: 359 270 600, BLZ 350 700 30. Spenden sind steuerlich absetzbar.

P.S.: Über Möglichkeiten, persönlich bei den Projekten in Nepal vor Ort mitzuwirken, informieren wir gerne

BERICHT des Besuches bei Indira in den Kinderheimen KATHMANDU „Stadt“ und „Land“ im März 2008

Als wir morgens im Stadthaus ankamen, begegneten wir zunächst zwei Schweizer Helfern, die gerade das Musik- und Theater-Programm für die Kinder vorbereiteten. Das findet jährlich auf dem Land statt und alle 130 Kinder haben wohl einen Riesenspaß dabei. Sie lernen den Umgang mit Instrumenten und vor allem lernen sie sich selbst auszudrücken und unterstützen so die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins.

Die Begegnung mit Indira war wie immer sehr herzlich und liebevoll. Sie wirkt oft etwas gehetzt und in Eile. Eigentlich lastet die Gesamtverantwortung für all diese verschiedenen, ineinander greifenden Projekte auf ihr allein. In 3 Tagen ist sie eingeladen in die Schweiz, wo sie einer Einladung der Waldorf Organisation folgt, auf einer Konferenz für „Erziehung“ zu sprechen und teilzunehmen. Wir besprechen einige Formalitäten und Voraussetzungen für eine Unterstützung vom Tushita Verlag und machen uns auf den Weg raus aus der Stadt. Nach eineinhalb Stunden kommen wir mitten in einer tief-grünen, fruchtbaren Landschaft mit Reisfeldern, Bambushainen und vereinzelten alten kleinen Tempelanlagen an. Den restlichen Weg von 15 Minuten gehen wir zu Fuß, da keine befestigte Straße dorthin führt. Nicht zu übersehen ist das 3-geschossige Haus, solide gebaut, aus Steinen und Betonträgern. Doch es passt sich harmonisch der Landschaft an. Rückwärtig wird gerade an den Klassenzimmern gearbeitet. Ein Bach und ein kleiner Wasserfall versorgen das Gelände mit Wasser. Eine Wohltat gegenüber dem Haus in der Stadt, wo alles Wasser teuer eingekauft und in Tankern herangefahren werden muss. Und noch eine Wohltat: Die Luft ist sauber und klar. Wir besichtigen das Land, das wohl noch durch Zukauf erweitert werden kann. Ein sinnvoller Plan, wenn man bedenkt, dass hier auch eine Art der Selbstversorgung und das Erlernen traditioneller Terrassenkultur stattfinden soll. Das alte, traditionelle Haus nebenan aus Lehm und Kuhdung beherbergt zur Zeit einige Kinder und die Arbeiter. Ja! Dieser Ort ist gut gewählt und sehr geeignet für das Projekt, das Indira sich schon seit langem vorgestellt hatte: Ihr Ziel ist es, die Kinder aus der Stadt zurück auf das Land zu bekommen. Weg von den meist aussichtslosen kleinen Hoffnungen der Großstadt, den so viele verlorenen Seelen träumen, hin zu einer realistischen Vision von einem guten Leben. Weg von den fast immer unerfüllten Träumen, einmal in den Westen zu kommen, hin zur Entfaltung der Schönheit des Lebens in Nepal, mit seinen natürlichen Ressourcen und Möglichkeiten. Dabei spielt Geborgenheit und eine liebevolle Erziehung eine große Rolle, bleibt doch immer das oberste Ziel, die Familien wieder zusammenzuführen. Wir erinnern uns: Diese Organisation unterstützt Frauen, die mit ihren Kindern im Gefängnis sitzen, unter teilweise sehr schwierigen Bedingungen. Die Kinder sind in den Heimen, damit sie nicht mit ihren Müttern im Gefängnis bleiben müssen und sie eine faire Chance bekommen, ein anderes, erfüllteres Leben zu führen. Neben der Arbeit in den Heimen werden auch noch die Mütter in den Gefängnissen betreut. Ihnen werden Ausdruck und Schrift vermittelt und einfache Fähigkeiten, mit denen sie sich möglicherweise später einmal ernähren oder selbst versorgen können. Diese und viele andere Informationen diskutieren wir auf unserer Fahrt zurück nach Kathmandu, in einem leicht überfüllten Auto. Eine sehr lebendige Diskussion, an der sich auch manchmal meine größeren „Kinder“ beteiligen und bei der ich die außergewöhnlichen Konzepte von Indira zum ersten Mal wirklich begreife. Und ich bin beeindruckt! Sehr beeindruckt. Ein sehr kreativer Geist mit einer tiefen liebevollen Einstellung zur Menschheit, ungeheuer anpassungsfähig und aktiv, voller Ideen und offen für jede Diskussion. Immer argumentiert sie mit der fundierten Kenntnis der Situation, denn sie selber stammt aus einfachen Verhältnissen. Ihre Ideen und Lösungsvorschläge sind sehr verbunden mit „dem was ist“, mit den örtlichen und mentalen Gegebenheiten. Ich konnte einiges dazu lernen. Zum Beispiel warum Indira das sonst übliche Konzept der Partnerschaft mit vereinzelten Kindern nicht favorisiert. Ich dachte bisher, dass dieses Konzept wohl das passendste und effektivste sei. Doch konnte ich verstehen, dass dieses Konzept auch eine Menge Schwierigkeiten für die Kinder mit sich bringt: Zum Ersten kann in der Gemeinschaft ein Geist von Konkurenz und Bevorzugung entstehen. Zum Zweitem wird fast immer die stille Hoffnung geweckt, „eines Tages werden meine Sponsoreneltern mich vielleicht in ihr gelobtes Land mitnehmen.“ Allein, in dieser fast immer unerfüllten Hoffnung zu leben, fern vom Hier & Jetzt, ist schon die beste Voraussetzung für ein unglückliches Leben. Das Konzept der Patenschaften scheint nicht immer geeignet für die hier verfolgte Idee, die Familien wieder zusammenzuführen und das reiche Leben in Nepal zu erfahren und lieben zu lernen. Wir, die Menschen, die diesen Traum unterstützen, Sie und ich, wir werden uns vielleicht zurückhalten, im Stillen helfen. Wir werden diesen Traum begleiten, möglicherweise aber auch daran aktiv teilnehmen. Wir werden auch ein prüfendes Auge entwickeln und möglicherweise Fragen stellen. Aber wenn wir betrachten, wie viele Gelder in schlecht durchdachten Projekten verrieseln, verschwinden und in teuren und nicht landesgemäß angepassten Lohnkosten untergehen, dann wissen wir, hier wird das Geld direkt umgewandelt in liebende Hilfe und sachgemäße Ideen, welche die Gegebenheiten des Landes und die Bedürfnisse der Kinder tief verstehen. Ich habe selber viele Jahre in Asien gelebt und besuche fast jährlich dieses Land. Ich stehe schon sehr kritisch einigen Entwicklungen in Nepal gegenüber. Ein geeigneteres, intelligenteres und liebevoller durchdachtes Projekt habe ich bis heute nicht kennen lernen dürfen.

Zur Person:

Indira begann schon im Alter von 18 Jahren mit den ersten Gefangenenbetreuungen. Auf dem Land, das ihr ihre Eltern als Mitgift für eine zukünftige Heirat schenkten, baute sie statt ein Haus für die zukünftige Familie ein kleine Schule. Heute, 20 Jahre später, blickt sie auf ein unermüdliches Leben zurück, voller Erfolge und Rückschläge. Immer ist sie aber nur den Weg gegangen, den sie überblicken konnte, nie hat sie sich in große unübersichtliche und großspurig angelegte Projekte begeben. Ich persönlich glaube, dass dies eines der Geheimnisse ihres Erfolges ist. Jeder Schritt ist nämlich dadurch durchwachsen von Erfahrungen und Einsichten. Jedes Projekt ist einfühlsam, intelligent und koordiniert mit dem anderen. Eine gewachsene Struktur. Ein in sich stimmiges Konzept einer ganz außergewöhnlichen Frau, die einen ganz eigenen Weg gegangen ist und dadurch sehr vielen Menschen tiefes Verstehen ihrer Situation und entsprechende Hilfe geben kann. Ein weiteres Geheimnis ist ihre unmittelbare Nähe zum Menschen. Auch heute noch schläft sie jede Nacht in einem der kleinen Schlafsäle mit den Kindern in einem Raum. Das dritte ihrer Geheimnisse dürfte es sein, dass sie die Sprache der Menschen, denen sie hilft, auch wirklich versteht. Sie selber kennt viele der Nöte und Probleme aus eigener Erfahrung. Mein erster tibetischer Lehrer sagte einmal: Um im Leben etwas wirklich bedeutendes schaffen zu können, musst du wie ein Vogel sein, der mit beiden Flügeln fliegt. Nicht mit einem. Diese beiden Flügel sind Liebe und Weisheit. Als ich dies Indira in einem Gespräch einmal erzählte, sagte sie nichts, sondern lächelte nur bescheiden. Große Worte sind nicht ihre Art, sich im Leben auszudrücken. Sie ist eine Frau der besonnenen Taten. Es sind große Taten.

Michael Hellbach